In den letzten Wochen hatte ich wenig Anstöße verspürt neue Texte zu Krisen zu schreiben. Das lag daran, dass ich einige Tage in Istanbul an einem Medienkongress teilnahm und zugleich verwundert und irritiert über diese Boomtown war.
Hätte man die wirtschaftliche Basis, die Voraussetzungen, die in Deutschland herrschen, was könnte man da alles in diesem Land der Gegensätze schaffen, erfährt man. Aber auch trotz Bürokratie, über die viel geschimpft wird, herrscht eine Dynamik, wie ich sie in Deutschalnd nicht einmal während der heißen Zeit des Neuen Marktes erlebt habe.
Ich mag mich hier nicht verdächtig machen, dass ich ein Neoliberaler Hardliner bin, doch einen Vorteil, der in Istanbul herrscht ist, dass jeder schauen muss, wo er bleibt. Auf den Staat zu hoffen, scheint das Letzte zu sein, was ein Türke tut (ähnliches erlebe ich auch in Italien). Ich will jetzt nicht loben, dass in der Hauptverkehrszeit in den Staus behinderte Bettler zwischen Jaguar, Mercedes und BMW X5 hoffen von der Gande der Wohlhabenden etwas ab zu bekommen. Umgekehrt habe ich in der Universität, an der der Kongress stattfand fast nur hochmotivierte Studenten getroffen. Und dies war keine Elite-Universität.
Nach wenigen Tagen Schlüsse aus wenigen Erlebnissen und Eindrücken zu ziehen, wäre bestimmt falsch. Aber mir schienen die Menschen motivierter, hungriger, neugieriger als bei uns - und dabei auch gelassener. Nirgendwo bin ich auf das bekannte Desinteresse deutscher Kaufhaus-Mannschaften gestoßen, die Kunden oft als Störung empfingen - betritt man ein Geschäft, kann sich der Kunde wirklich als König fühlen. Man kann verkaufen, stellt sich auf die Wünsche ein - und nimmt vor allem den Partner ernst. Wenn unsere Kaufhausketten von Erlebnishäusern sprechen, in ihrer Werbung das Kauferlebnis zelebrieren, sich CRM-Maßnahmen ausdenken, kann ich eigentlich nur schmunzeln. Ohne viel Firlefanz machen es die türkischen Verkäufern den teuer bezahlten Managern vor, was Kauferlebnis sein kann, wenn jemand verkaufen kann. Die Seele macht es - keine seelenlose Kauferlebnisplanung.
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