Wer nach Frankreich blickt und noch ein paar Brocken Marx aus den Zeiten von oder über '68 im Kopf hat, könnte jetzt zitieren "Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Revolution". Doch in Frankreich scheint nicht nur die Revolution in die Krise gekommen zu sein, sondern das Land selbst. Vielleicht ist deshalb eine Revolution notwendig, aber wohl eine andere als die, die geprobt wurde.
Republikaner schauen gerne auf Frankreich, wenn es um den Kampf um Bürgerrecht geht. Die französische Revolution, der Juli-Aufstand 1848 - und der Mai '68 mit einer Studentenrevolte, die sich in ganz Westeuropa verbreitete, zur außerparlamentarische Opposition in Deutschland führte und nicht zuletzt viel Muff aus den öffentlichen und politischen Leben beseitigte. Nicht zu vergessen den Anstoß von zahlreichen politischen Reformen. Kurz – damals begann die Einleitung zu einer freieren Gesellschaft und die Überprüfung alter, überkommener Normen.
Was sich in Frankreich aber jetzt tut, scheint zumindest aus der Sicht diesseits des Rheins kaum nahtlos an die bisherigen revolutionären Ereignisse anzuknüpfen.
Die Rebellion der chancen- und arbeitslosen Jugendlichen aus Zuwandererschichten scheint noch nachvollziehbar zu sein. Auch wenn diese Proteste zum Teil sowohl von der Politik und von Chaoten gleichermaßen kriminalisiert wurden.
Auch die Prosteste gegen eine Ungleichbehandlung junger Menschen beim Kündigungsschutz kann man nachvollziehen, aber nicht, dass junge Menschen, die aus der Ausbildung kommen eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie erhalten. Zumindest kam dies so über die Medien rüber.
Dazu passen Umfragen, dass die große Mehrheit der Franzosen eine Arbeit bei Staat & Co. bevorzugt. Also vor allem auf Sicherheit schaut. Woher das monatliche Salär kommt scheint keinen zu interessieren. Polemisch könnte man fragen: Kämpfen die jungen Franzosen gegen die Gesetze der Ökonomie? Für ewige Versorung? Sind noch Reste der Ideale von 1789 vorhanden - oder schon alle der Sicherheit geopfert? Es reicht ja, wenn man sich als Bürger nach Feierabend realisiert und nicht als Unternehmer.
Unter den '68ern mögen viele Idealisten gewesen sein, doch gerade diese vermeintliche Schwäche war ihre Stärke, ihre Triebkraft. Die Prosteste 2006 haben damit nichts zu tun. Kein Vision scheint hier erkennbar zu sein, lediglich ein Besitzstandswahren von jenen, die noch nicht im Apparat verankert sind.
Bleibt die Frage, wie gesund oder krank dieser Apparat ist. Vielleicht würde Molière heute ein Stück über Frankreich schreiben mit dem Titel "Der eingebildete Gesunde" und die Ärzte des Stücks mehr als nur eine Grippe bei Land, Wirtschaft und Population feststellen. Zum Thema Revolution könnte er mit Marx erklären, dass sich in der Geschichte vieles wiederholt, als Farce. Aber leider ist das Leiden wohl zu ernst dafür.
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